Ein kleine re:Publikation – Post Mortem #rp13

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rp13 einlassband
rp13 einlassbandMan kann von Glück sagen, dass der re:publica in diesem Jahr ein verlängertes Wochenende folgte, denn damit war genug Zeit für eine intensive Nachbereitung trotz dringend nötiger mentaler Erholung. Während andere sich an Christi Himmelfahrt gen Himmel gesoffen haben, bin ich die besuchten Sessions durchgegangen, habe mir verpasste Sessions auf YouTube angeschaut (dafür gibt es auch ein schönes Interface) und dabei überlegt, was mir die drei Tage insgesamt so gebracht haben. Hier mein kleines Resümee. Und nein, klein bezieht sich nicht notwendigerweise auf die Textlänge.

Was ist die re:publica?

Haupthalle - rp13Da ich ja erstmal dort war, stellt sich diese Frage unweigerlich. Und sie ist auch retrospektiv schwer zu beantworten. Was ist die re:publica? Ein bisschen Konferenz, ein bisschen Selbstbeweihräucherung der Netzgemeinde, genauer der deutschen Netzgemeinde. Ein bisschen Ideenpool, ein bisschen Stimmungsmache, ein bisschen Hands-On-FAQ, ein bisschen Ausrede für Networking und Parties.
Auf die Themen komme ich gleich, aber der Aspekt deutsche Netzgemeinde ist vielleicht nicht uninteressant. Ich würde mich nicht dazu zählen, weil ich nicht glaube, dass gemeinsame parallele Nutzung eines Mediums schon zur Vergemeinschaftung führt. Zumindest rückte das den Begriff Netzgemeinde so in die Nähe von Fernsehgemeinde. Ich glaube, so würden es die Mitglieder der Netzgemeinde nicht sehen. Das ist schon eine feste Gruppe, keine im eigentlichen Sinn virtuelle Community. Die teilt aber viele Interessen mit anderen netzaffinen Menschen in Deutschland, weshalb man die Konferenz als Art Clubtreffen verstehen könnte, wo man auch als Außenstehender einfach mal vorbeischauen kann.

Lobo gibt den Ton vor

Pause auf Stage 1 - rp13Wie man am Montagabend schön beobachten konnte scheint Sascha Lobo Sprecher der Gemeinde zu sein, dass zeigte zumindest die rege Teilnahme. Und der setzte in seinem (mit Absicht?) sabotierten Vortrag auch drei Themen auf die Tagesordnung, die dann häufiger referenziert wurden: Machen (als Gegensatz zu Reden), „Was würde Merkel überzeugen“ und das Netz Zurückerobern
Das erste ist erschreckend simpel und zog sich tatsächlich wie ein roter Faden auch durch andere Vorträge. Netzpolitik machen, Projekte machen, die Kinder machen lassen, Open Data machen, Open Learning machen, alles open machen und so weiter.
Der zweite Einwurf bezog sich auf netzpolitische (mit Betonung auf politische) Erwägungen, man möge sich hier selbst den Kontext ansehen.
Der dritte Ansatz war löblich zugleich aber auch anschaulich niedrig gezielt. Lobo stellte ein WordPress-Addon (in Alpha Zustand) vor, mit dem Ereignisse und Daten aus sozialen Netzwerken in Blogs gespiegelt werden können. Wirkliche Ansätze, dass Netz zurückzuerobern fehlten mir aber, die Friendikas, Diasporas und Status.Nets dieser Welt kamen in den Vorträgen kaum vor, selbst in denen, die eine Abkehr von Facebook, Twitter und Co. forderten. Alternativen zu den Großen, warum sie nicht besser verbreitet und was ihre Probleme sind, dass hätte ich mir schon gewünscht von einer Gemeinschaft die gleichzeitig herzhaft um Netzneutralität streitet.
Windows 8 Wall - rp13Andrew Rasiej diagnostizierte zwar das Problem auf den Punkt, dass die unreflektierte Nutzung der zentralistischen Dienste immer mehr das Netz formten und im Grunde Bemühungen um Netzneutralität, offene Standards und was damit zusammenhängt ad absurdum führten. Konkrete Schritte, wie dem entgegenzuwirken wäre, hatte er aber auch nicht anzubieten. Mir scheint das klar: Alternativen Stärken, jeder sollte seine eigenen Sites betreiben oder auf dezentrale Dienste setzen, der breiten Masse mehr Möglichkeiten geben, im freien Netz das zu tun, was Sie sonst gerne den großen Plattformen in den Rachen werfen. Dafür schien mir aber wenig Raum, zumindest musste man danach suchen oder mir ist es entgangen. Wie passend auch, dass Microsoft mit Windows 8 die Veranstaltung sponserte, noch eine Plattform, auf die alle schimpfen, der aber dennoch nur wenige den Rücken kehren.

Most impressive

Besonders beeindruckend für mich: 1. der Vortrag (und die anschließende Performance) von Neil Harbisson und Moon Ribas, beide Cyborgism Aktivisten, die an sich selbst diverse Sinne künstlich erweitert haben, einer Idee die entstand, weil Harbisson selbst von Geburt an keine Farben sehen kann. McLuhan hätte seine wahre Freude. Bemerkenswert auch der anschließende Beitrag von Kate Darling zum Umgang mit Robotern.
 
Auch beeindruckend fand ich Kate Miltner, die sich in ihrer Masterarbeit mit Lolcats beschäftigt hat. Nicht nur, dass da offenbar interessante Community-Strukturen dahinter stehen, das bekannte Meme hat im Grunde auch schon mindestens einmal die Community gewechselt, was zu einer eher unüblichen Langlebigkeit des Memes geführt hat. Zeigt auch, dass es offenbar mittlerweile problemlos ist, dass Web auch wissenschaftlich in seiner ganzen Bandbreite zu erfassen. Nötig ist es allemal.
 
 
Microsoft Vortrag auf Stage 6 - rp13Und als drittes erst nachträglich gesichtet habe ich die Keynote von Andreas Schleicher, internationaler Koordinator der PISA-Studie, dessen Vortrag zu den „Fähigkeiten des 21 Jahrhunderts“ viele gute Punkte auflistet, warum das Bildungssystem in Deutschland (und anderen Industriestaaten) krankt. Im Anschluss daran gab es auf Stage 6 den re:Learn-Track, in dem viele interessante Gedanken zu Bildung (teilweise ohne den Begriff aber konkret zu verwenden) geäußert wurden, oftmals von Praktikern aus dem Feld, wobei ein Fokus auf modernen Lernwerkzeugen sichtbar wurde. Etwas gefehlt hat mir als Vertreter der Medienbildung stellenweise die konkrete Überzeugung, dass Bildung, die wir ja immer als Medienbildung sehen würden, auch anders gedacht werden muss, damit sie anders gemacht (da isser wieder, der Lobo) werden kann. Besonders hier zeigt die Keynote Schleichers die Trends sehr klar auf. Aber es wurde auch eine generelle Offenheit deutlich, die aber sicher nicht beispielhaft für Deutschland im Ganzen gelten kann. Trotzdem hochspannend, insbesondere auch für meine Dissertation zum Wissensbegriff.
 

Weitere Themen

Ein eigenartig diffuse Enttäuschung über oder gar Ablehnung der Piraten wehte durch die Hallen, viele Vortragende setzten ein oder zwei Seitenhiebe, um dem Ausdruck zu verleihen. Das fand ich schon befremdlich, immerhin sind die Piraten noch immer eine kleine Bewegung und inhaltlich nah an dem, was die Netzgemeinde möchte, nur gibt’s halt auch die anderen Parteien und andere Interessen. Mir scheint deutlich, dass die Netzthemen bei den etablierten Parteien bislang schlecht aufgehoben sind. Scheinbar waren auch keine Piraten vor Ort oder im Programm, was schon eigenartig ist. Müsste man nicht zusammenarbeiten? War es vielleicht die Enttäuschung, dass man langsam einsehen muss, das 90% der Deutschen von der Wichtigkeit der Netzthemen noch überzeugt werden wollen? Hier bin ich irgendwie ratlos und sehe wenig neue Impulse von der re:publica ausgehen.
 
Cory Doctorow verteufelte erwartbar eloquent die Idee des Digital Rights Management, ein Vortrag auf den ich mich sehr gefreut habe und der auch nicht enttäuscht hat. Graham Linehan sprach mit Johnny Häusler über IT Crowd und lustige Comedy, auch das war unterhaltsam und lenkte von den bedeutungsschweren Vorträgen wohltuend ab. Leider kann man das Gespräch nicht auf YouTube sehen, weil IT Crowd Clips (von YouTube) gezeigt wurden. *g*

Ganz praktisch

Bar und Restaurant - rp13Rein von der Umsetzung hat mir die Konferenz eigentlich gut gefallen, schöne Räumlichkeiten, viele Bühnen, immer was zu sehen. Ein bissl schwierig war der Umgang mit den Massen, besonders am ersten Tag. Schlangen am Einlass sind vielleicht unvermeidlich, an den Bars oder vor den Toiletten (letztere waren nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda überhaupt zu finden) störten sie dann aber schon ungemein. Das ließ am zweiten Tag ein wenig und am dritten Tag merklich nach, nur weiß ich nicht, ob einfach weniger Leute da waren, oder die Organisation besser flutschte.
Wenn die Veranstalter im nächsten Jahr weiter wachsen wollen, dann muss man da deutlich nachjustieren. WLAN klappte gut, mit Zusatzakkus und einigen Lademöglichkeiten war man technisch mehr als abgesichert. Für Networking (wenn man’s darauf abgesehen hatte) oder Party war auch genug Gelegenheit, tangierte mich aber bei diesem ersten Mal eher weniger. Ich war aber ganz beeindruckt und überlege ernsthaft, ob man als Forscher da nicht auch aufgerufen ist, einen Beitrag zu leisten. Mal schauen, ob sich thematisch etwas anbietet. 
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