Meinungsmontag – Eine Lanze für Skeptizismus

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Stockholm by Metro Centric (flickr)
This is my song in defence of the fence
A little sing-along, an anthem to ambivalence
The more you know, the harder you will find it
To make up your mind, it doesn’t really matter if you find
You can’t see which grass is greener
Chances are it’s neither, and either way it’s easier
To see the difference, when you’re sitting on the fenceTim Minchin - The Fence

Die Kategorie Meinungsmontag habe ich lange vernachlässigt und erst vor kurzem mit einer Betrachtung des Wahlprogramms der AfD wieder eröffnet. Das Problem insbesondere bei aktuellen politischen Diskussionen ist meines Erachtens, dass es mühsam sein kann sich einen Überblick über die Fakten zu verschaffen, ganz zu schweigen davon, sich basierend darauf eine Meinung zu bilden. Darum überspringen viele offenbar nur allzu gern diesen ersten Schritt und gehen direkt zur Meinung über. Das ist auch deswegen leicht, weil einem ja von überall her einfache, scheinbar plausible Standpunkte offeriert werden, komplett mit Scheinargumenten und Streitpotential. Man braucht nur an einem halbwegs gut bestückten Kiosk vorbeigehen oder mal ein paar Minuten eine beliebige politische Talkshow einschalten. Aber Vorsicht: Denn Meinungen sind bekannterweise wie Arschlöcher: Jeder hat eine. Deswegen ist eine Meinung zu haben noch keine Leistung, auch wenn das Recht darauf durch das Grundgesetz geschützt ist. Die besteht vielmehr darin, Argumente abzuwägen und damit eine Meinung plausibel zu begründen. Dafür muss man auch seine Quellen kritisch hinterfragen und sich klar machen, dass die Welt nicht binär ist.

Ich plädiere darum hier gerne für einen gesunden Skeptizismus. Im Informationskrieg kommen immer wieder typische Waffen wie Fehlinformation, gezielte Desinformation oder das Verbreiten von scheinbaren Fakten zum Einsatz. Wer sich damit näher beschäftigen mag, kann beispielsweise das tolle Buch Cryptonomicon von Neal Stephenson lesen oder Little Brother von Cory Doctorow. Es ist wichtig zu verstehen, dass überall da, wo Informationen fließen (und Informationshoheit proklamiert wird), auch Raum für Manipulation ist. Und die ist besonders effektiv, wenn sie subtil ist und mit der Erwartungshaltung der Menschen spielt. Deshalb ist es z.B. für Journalisten notwendig, eine Information aus mindestens zwei unabhängigen Quellen zu bestätigen. Das scheint mir eine Regel zu sein, die für jeden vernünftigen Menschen gelten sollte, denn man weiß ja, dass es zu jeder Geschichte immer mindestens zwei Seiten gibt. Aus dem gleichen Grund muss man in der Wikipedia Quellen für Informationen und Daten angeben und ansonsten eine warnende Box einbauen, dass Belege fehlen. Ohne Beleg keine Glaubwürdigkeit! Bei Facebook oder Twitter fehlt häufig jeglicher Kontext und es gibt leider keine Warnbox. Wenn ich ein Foto, ein vorgebliches Zitat, ein Video oder nur einen Textfetzen poste, ohne dass klar wird, aus welchem Zusammenhang das Fragment stammt, kann man damit wahnwitzige Effekte erzielen. Ein Videoschnipsel aus einem Horrorfilm der 1980er könnte plötzlich als authentisches Bild aus dem Syrienkonflikt von letzter Woche dargeboten werden. Ein Zitatfetzen, den jemand am Stammtisch ersonnen hat, wird auf einmal Albert Einstein oder Platon untergeschoben. Whatsapp-Kettenbriefe prophezeien das Ende der Welt, wenn man sie nicht weiter teilt. Und weil die Verbreitung üblicherweise von Freund zu Freund vor sich geht, also Menschen, denen gegenüber man ein Grundvertrauen entwickelt hat, neigt man auch erstmal nicht dazu, skeptisch zu sein. Aber meine goldene Regel lautet: Skepsis ist gut, besonders im Netz. Wer Schwierigkeiten hat, zu glauben, dass man nicht alles im Netz glauben sollte (Achtung Rekursion), sollte mal die Seiten snopes.com (englisch) oder mimikama.at (deutsch) überfliegen. Denn das Netz erleichtert nicht nur die Verbreitung unbestätigter Fakten, sondern auch deren Überprüfung.

Zwei Beispiele dafür, wie Gutgläubigkeit nach hinten losgehen kann, gab es unlängst: Die Diskussion zur Schweinefleischpflicht hat Sascha Lobo auf SPON ganz gut beschrieben, kurz zuvor hatten Netzaktivisten der Onlinespezies Wutbürger einen vorgeblich rassistischen Informationstrojaner untergeschoben (hier auf mimikama.at dokumentiert). Daran zeigt sich, dass es zum einen sinnvoll ist, die Quellen zu checken und nicht alles zu glauben. Außerdem, und das ist Gegenstand des oben zitierten Songs von Tim Minchin (Video), kann man nicht alles einfach in gut und böse oder schwarz und weiß unterteilen. Wir leben in einer Welt der Grautöne, selbst was die Frage nach Wahrheit oder Lüge angeht. Die AfD ist nicht nur rassistisch, da gibt es auch ehrlich besorgte Menschen und ernsthafte politische Positionen. Genau wie bei den Grünen oder der CDU, nur vielleicht mit unterschiedlichen Anteilen. Nicht alles im Deutschen Fernsehen langweilig, selbst bei RTL. Ein BIO-Siegel garantiert keine gesunde, das Logo von McDonalds keine ungesunde Nahrung.  Absolute Kategorien und Schubladen sind handlich und erleichtern vieles, aber sie treffen leider immer weniger zu, als man vielleicht glauben mag. Darum sollte jeder bereit sein, länger als fünf Minuten über ein Thema nachzudenken, vor allem, wenn man sich eine Meinung bilden will. Und besonders, wenn man damit in die Öffentlichkeit geht. Natürlich sind nicht alle Flüchtlinge Straftäter, aber einige schon. Natürlich sind nicht alle katholischen Priester pädophil, aber einige schon. Nicht jeder Beitrag, der auf Facebook geteilt wird ist gequirlter Unsinn, aber ein bedeutender Anteil leider schon. Und es gibt Hinweise, an denen man sie erkennen kann, wenn man denn will.

Kritisch hinterfragen mag vielleicht uncool wirken, aber wer sich selbst nicht zum Spielball irgendwelcher Ideologien und Meinungsführer machen lassen will, hat kaum eine andere Chance. Informationen in sozialen Netzwerken, egal ob bei Facebook oder beim Austausch von Gerüchten in der Teeküche oder beim Friseur, sind im Grunde ähnlich zuverlässig und zwar eher mäßig. Und genauso, wie ich meine Weltsicht nicht auf den Thesen meiner Friseurin oder der Dame beim Metzger basiere, sollte man nicht alles für bare Münze nehmen, was so stumpf durchgeklickt wird. Und nun wieder zurück zu den angeschlossenen Netzwerken…

Beitragsbild: „Stockholm“ von Metro Centric, CC-BY