Meinungsmontag 11.10.2010 – Stuttgart 17 + 4, Musik

yodahomeMeinungen2 Comments

Zuviel Musik

Gent Jazz: Melody Gardot
Image by volume12 via Flickr

Die vereinigte Medienmafia hat offenbar erkannt, dass neben der zwanghaften Dauerbeschallung mit aktueller Musik in Fernsehsendungen, das Publikum auch in der Werbepause über Neuerscheinungen im Bereich der populären Musik informiert sein möchte. Derzeit buhlen folgende Künstler mit platten Fernsehspots um die Gunst des Käufers: Melody Gardot, Joe Cocker, Ace of Base, Kim Wilde, Phil Collins und OMD. Bis auf die erste Dame handelt es sich entweder um etablierte Künstler oder solche, von denen man geglaubt hat, sie hätten es schon lange nicht mehr nötig.Egal was man von der Musik hält, wenn ein 30-Sekunden-Spot mir verkaufen will, dass die neueste Platte von XYZ die Allertollste ist, dann bin ich per Definition skeptisch. Ein Blick in die iTunes Charts zeigt, dass die Werbung scheinbar teilweise greift.

Für mich zeigt diese massive Werbeschlacht allerdings nur, dass die Musikindustrie offenbar immer noch nicht ihr zentrales Problem der massiven Überproduktion einer bestimmten Schiene von Musik erkannt hat. Populäre Künstler werden immer noch über Gebühr strapaziert – und sogar aus dem wohlverdienten Ruhestand geklingelt – anstatt gezielt neue Talente aufzubauen. Das überläßt man „Popstars“ und „DSDS“ und wir wissen wohin das führt. Von den letzten fünf aktuellen Alben, die ich bis auf eines online erstanden habe, wurde zu meiner Kenntnis keines außerhalb des Shops beworben. Irgendwem sollte das zu denken geben.

Demonstrieren gegen die Angst

Buchpräsentation
Image by clows via Flickr

Die Ereignisse der letzten Wochen bezüglich Stuttgart 21 haben Medienecho generiert, dem man sich kaum entziehen konnte. Und wieder fragt man sich wofür eigentlich. Wenn man bei Wikipedia nachliest, ist das Projekt sicher nicht unumstritten aber auch schon seit 16 Jahren in der Planung. Politiker und Wirtschaftsbosse sind gekommen und gegangen, die Welt hat sich stark verändert und doch hielt man an den Plänen fest, die in der Region sicher weithin bekannt waren. Es gab Alternativen und viele Gegner, trotzdem wurde der Bau begonnen. Wogegen protestiert also die aufgebrachte Meute? Auf mich wirkt es beinahe belustigend, immerhin sollte man auch die Einsicht akzeptieren können, dass man verloren hat. Man kann sicher nicht kritisieren, dass die Gegner ihrer demokratischen Pflicht (?) nach Meinungsäußerung nicht nachgekommen wären. Aber es ist vorbei, der Bau läuft und ab jetzt entstehen nüchtern betrachtet so nur Mehrkosten.

Eine interessante und modernsierungstheoretisch logische Begründung liefert der Blog vom Perlenschwein: „Die Stuttgarter Proteste sind zumindest teilweise der Ausdruck von Ohnmacht und Angst, außerdem zeigen sie die Lust der kleinen Leute an Macht, am Neinsagen. Wir wissen oftmals nicht, was auf uns zukommt, wissen auch nicht, wie sinnvolle Veränderung aussehen könnte, also sagen wir Nein. Das ist menschlich und längst nicht so schwer, wie konstruktiv zu kritisieren oder gar konkrete Alternativlösungen vorzuschlagen.“

Da ist sicher was dran, die Angst vor der unbeeinflussbaren Zukunft jedoch leuchtet mir nicht ganz ein, immerhin gibt es wohl nirgendwo auf der Welt so viel Partizipationsnischen in Entscheidungsprozessen wie in Deutschland. Jeder kann überall jederzeit sein Meinung äußern, sogar medial inszenieren und verteilen. Aber wenn man dann halt die protestierende Minderheit ist, die einer schweigenden Mehrheit gegenübersteht, muss man auch das akzeptieren und sich anderen Themen zuwenden. Das die vernunftbegabten Deutschen jetzt schon den Amis nacheifern, wo die Republikaner beleidigte Leberwurst spielen und Obamas Regierung – zugegebenermaßen wie angedroht – blockieren, wo sie nur können, finde ich überaus bezeichnend. Aber vorwärts kommt man so nicht.

Bundesarchiv Bild 183-28550-0001, Magdeburg, U...
Image via Wikipedia

Wir haben in Magdeburg mit der Idee des Wiederaufbaus der Ulrichskirche auch ein fragwürdiges Projekt, dass aber noch weit von der Bauphase entfernt ist. Trotzdem will eine Bürgerinitiative eine Bürgerabstimmung zum Thema forcieren. Nach meinen Informationen hätte ein Aufbau nur historischen und nostalgischen Wert, Magdeburg hat schon genug lehrstehende Gebäude (Blauer Bock, Haus des Lehrers, Büros noch und nöcher) und Kirchen (mehr als zwei Dutzend) sowieso. Viele Säale kämpfen darum, gefüllt zu werden und irgendwie zweifele ich daran, dass das Geld für einen Wiederaufbau auf der Straße liegt. Außerdem würde einer der wenigen verliebenen Freiflächen der Innenstadt dafür bebaut werden müssen. Es scheint also kaum handfeste Gründe für den Bau zu geben, es gibt trotzdem eine Diskussion und jeder darf was sagen, aber im Endeffekt scheint mir die Sache klar. Nun habe ich (so wie alle Magdeburger) mit Absicht denkende Menschen in den Stadtrat berufen um mir solche doch eher eindeutigen Entscheidungen vom Hals zu halten. Wir nennen das repräsentative Demokratie. Ferner gibt es ein Stadtplanungsamt mit weiteren fähigen, denkenden Leuten. Warum sollte ich jetzt also darüber direkt abstimmen wollen?Für viele scheint das eh wieder eher eine Übersprungshandlung zu sein, hier eine Meinung äußern zu dürfen. Es gilt immer noch: „Man darf in der Demokratie eine Meinung äußern, man muss nicht:“

Darum: Wenn es eine gute Idee ist, macht es! Wenn nicht, laßt es! Kleiner Tipp: Wenn’s zusätzlich Geld kostet, ist es in der Regel eine schlechte Idee…

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  • Perlenschwein

    Vielen Dank für Link und Zitat. Mit Angst vor der unbeeinflussbaren Zukunft meine ich globale Zusammenhänge von einer erheblich größeren Tragweite als die Frage, ob ein City-Bahnhof nun unter- oder überirdisch fortbesteht. Wer sich noch an Kopenhagen vor knapp einem Jahr und die dort demonstrierte Unfähigkeit zu bindenden Vereinbarungen erinnert, weiß wohl wovon ich rede. Klimawandel, Artensterben, Welthunger, globaler Terror oder Finanzkrise sind ein paar Stichworte, um zu verdeutlichen, wie wenig Einfluss wir Bürger de facto auf Prozesse haben, die unsere Zukunft nachhaltig beinflussen werden.

  • Perlenschwein

    Vielen Dank für Link und Zitat. Mit Angst vor der unbeeinflussbaren Zukunft meine ich globale Zusammenhänge von einer erheblich größeren Tragweite als die Frage, ob ein City-Bahnhof nun unter- oder überirdisch fortbesteht. Wer sich noch an Kopenhagen vor knapp einem Jahr und die dort demonstrierte Unfähigkeit zu bindenden Vereinbarungen erinnert, weiß wohl wovon ich rede. Klimawandel, Artensterben, Welthunger, globaler Terror oder Finanzkrise sind ein paar Stichworte, um zu verdeutlichen, wie wenig Einfluss wir Bürger de facto auf Prozesse haben, die unsere Zukunft nachhaltig beinflussen werden.