Urlaubslektüre – Elite für Deutschland

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Endlich ein paar Tage Urlaub. Da das Semester durchaus stressig war, glaube ich mir die paar Tage Ruhe durchaus verdient zu haben. Eine der typischen Urlaubstätigkeiten sind Bücher, ich habe meine Zeit in das überaus erleuchtende Buch „Gestatten: Elite“ von Julia Friedrichs investiert. Mehr aus Zufall als aus Absicht bin ich bei uns im (Buch-)laden – dort arbeite ich neben der Uni – auf das Buch gestoßen, so wie meistens war das ein absoluter Glücksgriff.

Das Buch begleitet die Journalistin Julia Friedrichs, die mit 25 Jahren ein Jobangebot von McKinsey ausschlägt um herauszufinden, was wir heutzutage unter Elite verstehen, wer das eigentlich ist und warum der Begriff derzeit solch eine fulminante Renaissance erlebt.

Ohne zuviel aus dem Buch vorwegzunehmen, denn ich möchte die Lektüre dem geneigten Leser meines Blogs durchaus ans Herz legen, möchte ich einige Kernpunkte aufgreifen.

Zunächst mal wird versucht den Begriff Elite zu definieren. Dazu besucht die Autorin diverse Bildungseinrichtungen in Deutschland und außerhalb (Internate, Privatunis etc.), die sich selbst vollmundig als Elitezentren bewerben und deren Absolventen demnach wissen sollten, warum sie die Elite stellen. Es zeigt sich schnell, dass es sich um einen höchst diffusen Begriff handelt, der eine weite Ebene aufspannt unter die man nahezu alle gewünschten Kriterien versammeln kann. Zunächst mal wird über die Leistung argumentiert. „Wer mehr leistet, hat mehr verdient. Wer mehr leistet, darf mehr bestimmen.“ Die Eliten legitimieren ihre Sonderstellung primär damit, dass sie länger und härter arbeiten, mehr Verantwortung übernehmen. Durch die Gespräche wird aber klar, der Großteil der besuchten Eliteschmieden hat neben der Leistung ein weiteres, häufig nicht weniger bedeutendes Zugangskriterium: Geld. So wird im Verlauf deutlich, dass es eher die Oberschicht ist, die ihre Kinder auf Sprachschulen für Säuglinge, in luxuriöse Schlossinternate und auf private Wirtschaftsschulen fernab der restlichen Welt  schicken kann, weil man von Hartz IV keine 10000 € Schulgeld stemmen kann und weil es kaum Möglichkeiten gibt, die finanziellen Hürden zu umgehen. Mal ganz abgesehen, dass man in einer Gruppe wohlsituierter Jugendlicher eh immer herausstechen wird. Man könnte zunächst annehmen, dies seien alles Klischees, und selbst die Autorin gibt zu, dass sie bis zu ihren Recherchen nicht wirklich an die Existenz dieser Parallelwelt geglaubt hat. Und doch stellt sie fest:

”[..]Mir ist klargeworden, dass in Deutschland eine gewaltige Eliten-Revitalisierungskampagne läuft. Der Satz ‚Wir brauchen wieder Eliten‘ ist inzwischen so oft gesagt worden, dass ihn fast niemand mehr hinterfragt. Inzwischen hat man die zweite Phase der Kampagne gestartet. Die Phase der Realisierung. Kindergärten, Schulen und Universitäten versprechen, dass sie diese Eliten, die wir angeblich brauchen, ausbilden. Eltern überweisen Geld, damit ihre Kleinen dazugehören. Gebühren für den Kindergarten, für die Schule, das Internat, den Karrierecoach und die Uni. Wenn man die zusammenzählt, kommt man auf mindestens 300 000 Euro. Die sollte jedes Elternpaar für die Finanzierung eines solchen Elitebildungswegs beiseitelegen. Es wachsen Menschen heran, die vor allem eines lernen: Euer Platz ist unter den Gewinnern. Ihr dürft die wichtigen Posten in der Gesellschaft übernehmen. Ihr seid Elite.“

Den Rest (also beispielsweise mich), der sich nicht den Leistungskriterien unterordnet, keine regelmäßigen 16 Stundentage absitzt und nicht zu McKinsey will, nennen sie Niedrigleister und meinen damit, wenn wir nur wollen würden, könnten wir das auch erreichen, kämen wir auch in den – für mich fragwürdigen – Genuss von höherer Bildung, höherem Einkommen und elitärer Lebenssicherheit. Tatsächlich aber haben sich die meisten Elitisten nicht unbedingt die Position erarbeitet, in der sie sich als Elite sehen. Das widerspräche auch meinem Weltverständnis, denn die Welt halte ich für ein chaotisches System, dass nur sehr eingeschränkt unserer Kontrolle unterliegen kann und letztendlich sind nicht alle, die viel leisten, automatisch auf der Siegerstrasse.

Besonders die Moderne, und darin sind sich Theoretiker wie Sennett, Bauman oder Giddens wohl einigermaßen einig, mit ihren fragmentierten Lebensläufen, Brüchen mit langgehegten Traditionen und der Auflösung beziehungsweise Neuordnung raumzeitlicher Verhältnisse, bietet viel mehr Möglichkeiten und Freiheiten als Menschen jemals gegenüberstanden, viele Abzweigungen auf dem Lebensweg aber eben auch immer weniger Dinge, auf die man vertrauen kann – Verlust der ontologischen Sicherheit – und folglich auch mehr Chancen zu Scheitern. Die Oberschicht konstruiert für ihre Nachfahren etwas, dass die Moderne eigentlich aufgelöst hat: die lineare Biografie über feste Stationen in die anhaltende Vollbeschäftigung und den garantierten Wohlstand. Und einen Führungsanspruch. „Leader“ nennt man das heute, und meint dasselbe. Aber der Satz „Natürlich, mein Leader!“ ist historisch noch nicht so negativ belegt. Realisiert wird das offenbar durch gezielte Vernetzung. So sind nicht nur die Leistungen sondern die Ehemaligen, Altschüler, Alumni etc. also die Zugehörigkeit zur Gruppe entscheidend für die Zukunftschancen. Und das gilt scheinbar unabhängig vom politischen Lager und in nahezu allen Organisationen, auch den NGOs. Da kann man natürlich sagen: Ja, so ist es halt.

Spätestens seit die Vernetzung vor allem im WWW explizit und sichtbar gemacht wird (Stichwort Soziale Netzwerke) wird wohl vielen klar, wie wichtig diese Netzwerkbildung und -nutzung in vielen gesellschaftlichen Bereichen schon längst ist. Freunde, Kollegen, Geschäftspartner – unser soziales Netz ist ein wichtiger Teil unserer Identität und bestimmt sehr stark unseren Handlungspielraum. Das ein Netzwerk – die selbsternannte Elite eben -, welches sich nur selbst repliziert und ansonsten nach außen abgrenzt, aber eben daraus einen Führungsanspruch ableitet ist ein Gedanke, den wir eigentlich mit der Aufklärung und der französischen Revolution abgelegt haben sollten und der sich mit der Idee der Herrschaft des Volkes so wie ich sie verstehe gar nicht verträgt. Und so kommunizieren auch einige Interviewte sehr klar ihre Überzeugung, dass sie führende Positionen in der Gesellschaft übernehmen wollen und zwar ganz klar außerhalb des geltenden politischen Systems und ohne Rücksicht auf den Rest, weil der sie bei der Weltneuordnung eher behindere. Kaum einer der auftauchende Charaktere stellt sich eine klassische politische Karriere vor. Viel mehr haben Beratungsfirmen wie eben McKinsey und andere, in denen sich die neue Elite längst versammelt und Konzepte für nahezu jeden Bereich der Politik und Verwaltung entwickelt, schon heute direkten Einfluss auf die Politik und damit ganz konkret auf unsere Leben, ohne dass wir sie dazu legitimieren können würden und wohl auch ohne nachvollziehbare und transparente Prozesse. Wäre ich Pessimist, würde ich befürchten, dass unsere Demokratie allmählich unterminiert wird und sich ein neuer Adel (oder Klerus) auf die Herrschaft vorbereitet.

Ich gehe auf eine staatliche Universität, was mich offenbar per Definition aus der Elite aussschließt. Zudem ist die Uni Magdeburg auch keine der neuen Elite-Unis. Zum Glück, wie ich finde. Aber wir beschäftigen uns mit imho wichtigen Fragen, zum Beispiel der Frage, wie die Welt von morgen aussehen könnte und was wir heute tun können, um uns nicht nur darauf vorzubereiten sondern sie mitzugestalten. Ein demokratisches Bildungssystem sollte, schon um die Demokratie selbst zu erhalten, für jeden Menschen die Bildung bereitstellen, die er, unabhängig von sozialem Rang und finanzieller Ausstattung der Eltern, benötigt. Das schließt durchaus besondere Unterstützung für besondere Begabungen ein. Reichtum ist keine solche Begabung, Vitamin B meiner Meinung nach auch nicht.

Es überkommt einen beim Lesen auch hin und wieder ein Unwohlsein ob des Engagements und des Fleißes, den junge Menschen dort offenbaren. Es ist die leise Angst, dass man selbst doch nicht genug leistet, sich zu viele oder zu ausgedehnte Pausen gönnt. Ich halte mich selbst durchaus nicht für außergewöhnlich strebsam und tendenziell wohl eher faul. Ich habe mein Abi mit 2,2 und meinen BA nach 8 statt 6 Semestern mit 1,5 gemacht. Oh, und ich hatte vier Semester Fehlstart. Nebenbei arbeitete ich auch immer (also für Geld). Sicherlich nicht schlecht, aber ein 16-Stunden-Tag oder eine 7-Tage-Woche gehören bei mir – Gott sei Dank – nicht zur Regel. Ich liege auch nicht faul rum, aber nicht alles, was ich tue, dient unmittelbar einer Karriere oder nur einem konkreten Zweck. Und vieles von dem, was ich tue, läßt sich oft eher schwierig monetarisieren. Trotzdem möchte ich dass nicht zum bestimmenden Faktor in meiner Lebensplanung erheben. Muss ich mich fürchten, von einer Gruppe, die sich selbst als das Ultimum begreift, abqualifiziert zu werden?

Das klingt jetzt vorsätzlich sehr überspitzt und genau so wirkt auch der Schluß des Buches, aber trotzdem sollten wir uns fragen. Meine Hoffnung ist, dass bei all den Unvorhersehbarkeiten, die die Zukunft mit sich bringt, auch die selbsternannte Elite irgendwann ins Schwimmen gerät. Das materieller Reichtum, wenn er nicht von der Mehrheit der Erdbevölkerung bessessen wird, schlicht und einfach irgendwann kein Maßstab einer globalen Gesellschaft mehr sein kann. Das man die Leute mit Argumenten überzeugen muß, um die Welt zu verändern, und sie nicht einfach dem Leader folgen.  Das klingt vielleicht utopisch, aber das klang ein Flug zum Mond vor 50 Jahren auch noch und dieser Tage feiern wir dessen 40. Jahrestag.

Das Buch liest sich gut weg, bleibt aber doch im Hinterkopf. Möglicherweise ist das Szenario, welches dort gezeichnet wird, sehr einseitig und auch durch die – unverblümt offen kommunizierte – eher kritische Grundhaltung der Autorin beeinflusst. Aber es soll auch lediglich eine Diskussion anregen, die scheinbar nicht geführt wird. Und letztendlich steht ja allen Widerstreitern frei, eigene Argumente und Definitionen des Begriffes „Elite“ einzubringen. Auch in Form eines Bestsellers, wenn’s sein muß.

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